Welcome, aber…
...von einem Kind das ankam das Bleiben zu lernen. Für Kinder ab 7 Jahren und Erwachsene.

Kritiken

Strandgut – das Kulturmagazin für Frankfurt und Rhein-Main 2017

welcome – oder

….was man alles falsch machen kann, wenn man neu ist im Land, auf der Straße, in der Klasse. Das erlebt Malika, das Mädchen aus – egal woher, es könnte Syrien, Usbekistan oder auch Bayern sein. Sie ist durchaus welcome, aber (!) es gibt so viel zu lernen, so viel Neues, so viel zunächst Unverständliches! In der Schule vor allem, da, wo die Gleichaltrigen sitzen, mit denen man Freundschaft schließen möchte – was zum Schluss ja auch klappt, auch noch mit einem Jungen. Aber wer sind diese DINAS, von denen es mehrere zu geben scheint? Und wo darf man denn nun eigentlich reden und tanzen? beim Essen und auf der Straße scheinbar nicht. Es ist ja schön, dass es so sauber hier ist, aber auch so kalt! Und wer kann das alles erklären und weiterhelfen? Auf der Bühne (Ivana Bischof)gibt es links eine Art Wäscheleine, von der Malika (Liora Hilb) die mit ihren Fragen verbundene Utensilien abnehmen kann, in der Mitte scheint die Straße und das Draußen zu sein, ab und zu sieht man den Schatten eines nörgelnden Erwachsenen dort vorbeiziehen, und ganz rechts, ja, da endlich, bahnt sich die Rettung an: Malika entdeckt #lillyslearninglabor im Internet. Siehe da, ein junges Mädchen erscheint auf dem Bildschirm. Sie sieht Malika verblüffend ähnlich, trägt auch kurz mal einen Turban, und hat für alles einen Rat. Zum Beispiel, wie man sich das mit dem Kopfrechnen ganz einfach machen kann – auch für die Zuschauer, jung wie alt – originelle und amüsante Hinweise. Stella Hilb – jaja, eine gewissen Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen, kann ja auch von Vorteil sein in einer so angespannten Situation – macht das köstlich leicht und locker ohne zu überdrehen. Auch Liora Hilb, die zuletzt den Karfunkelpreis für „remembeRing“ erhielt, gelingt es unglaublich glaubwürdig, Malika, eine, na, vielleicht 10-Jährige zu verkörpern, doch im schnellen Rollenwechsel auch die anderen, die deren Leben beeinflussen: Herrn Kilian z.B., den durchaus zugewandten und auch strengen Lehrer, erkennt man sofort an wenigen aber charakteristischen Bewegungen und Posen. Auch wenn nicht jedes „Lernziel“ erreicht werden kann – muss man unbedingt singen können? – ist es doch hoffnungsvoll, wenn Malika zum Schluss den Mut hat ihre Angst zu überwinden und im wahrsten Sinn des Wortes ins Leben zu springen. Das Theater La Senty Menti mit Liora Hilb, Miriam Locker (beide Regie) und Banu Kepenek, der auch die großartigen Videoszenen zu verdanken sind, haben eine wunderbare mutmachende Inszenierung gezeigt, die das „aber“ nicht verschweigt und zeigt, wie es gehen könnte – verdienter Beifall von Groß und Klein!

Katrin Swoboda


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.11.2017

Bei uns hier ist das so

Liora Hilbs Stück „Welcome, aber…!“ im Theaterhaus

Ein paar Mal kann einen schon der Gedanke anwehen, Liora Hilb male ein allzu einseitiges und negatives Bild der Deutschen. Immer wieder spielt sie Situationen, in denen vor allem ältere Leute das Einwandererkind Malika auf dem Gehsteig und im Park rügen oder ihr mit absichtsvoll radebrechendem Deutsch im Supermarkt erklären wollen, wie sie „hier in Deutschland“ ihren Käse zu zahlen hat – obwohl sie danach weder gefragt noch etwas falsch gemacht hat.

Allerdings fallen einem, wenn man erst einmal darüber nachdenkt, eine Menge Szenen ein, die so klingen wie die Zurechtweisungen an das Grundschulkind Malika. Es hat sich allerhand verändert im gesellschaftlichen Klima. Migration ist das Thema der Stunde, unter den Frankfurter Kindern sind gute zwei Drittel nicht „biodeutsch“. Wie schwer es ist, anzukommen und zu bleiben, hat die Frankfurter Kindertheatermacherin Liora Hilb, die aus Israel kam, selbst als Kind erlebt.

Es sind auch eigene Erfahrungen, die in ihr neues Stück „Welcome, aber…!“ einfließen, das für ein Publikum von sieben Jahren an konzipiert ist. Hilb hat ihre Erinnerung gewissermaßen abgeglichen mit dem heutigen Schulalltag eines Mädchens, das gerne alles richtig machen und Freunde finden – also bleiben will. Sie übt, Vollkornbutterbrot zu streichen und richtig zu grüßen, sie will dazugehören. Leicht wird ihr das nicht gemacht, weit über das übliche Fremdeln hinaus, wenn man „die Neue“ in der Klasse ist.

Meist vorsichtig dosiert wird deutlich, wie die Hackordnung der Klasse, Vorurteile und immer wieder Erwachsene, die Sätze mit „Bei uns hier“ anfangen, wie der Klassenlehrer auch, Malika das Ankommen erschweren. Weshalb Hilb klug auf tänzerischen Witz, die Reaktionen des jungen Publikums und komische Passagen setzt, die kindliche Lachlust nicht nur spielen, sondern auch hervorrufen. Hilb spielt auf der exakt abgegrenzten Spielfläche (Ivana Bischof), deren Schultafel sich immer wieder in eine Leinwand verwandelt. Dort erscheint Stella Hilb als hilfreiche „Lilly“, von der man annehmen kann, sie sei der Phantasie Malikas entsprungen. Das bleibt in der Schwebe in dieser Szenencollage, die nicht auf einen Höhepunkt zustrebt, sondern am Ende den Blick in eine Zukunft weitet: Malika lernt schwimmen und darüber reden – und das kann durchaus im übertragenen Sinn gedacht werden.

EVA-MARIA MAGEL